Ein Gastbeitrag von Inge Anders zum Sammelband „Über mein Schreiben“ von Miriam Schaan
Die Einladung zum Schreib-Sammelband trifft sie. Auch wenn sie nicht persönlich gemeint sein kann, weil ja niemand sie kennt, fühlt sie sich angesprochen und eingeladen. Doch dann der Schock: Der Text muss veröffentlicht sein. Sie schreibt die Idee ab.
Doch die Idee rumort.
Denn kaum, dass sie schreiben konnte, schrieb sie. So erinnert sie sich. Richtig?
Sie musste schreiben: Briefe mit Dankeschöns, Briefe an viele Verwandte. Erst ins Konzept, dann korrigiert auf Briefpapier.
Sie wollte schreiben: Briefe an viele Verwandte und an Freundinnen und Freunde. Wollte irgendwann ohne Konzept schreiben und ohne den kontrollierenden Blick. Viel später ahnt sie: Es war auch ein anteilnehmender und helfender Blick. Aber sie wollte allein entscheiden. Und hat sich getraut, das durchzusetzen. Das war schwierig und blieb es für immer. Du schreibst Geheimnisse. Ihr Kopf konnte das gar nicht verstehen. Doch ihr Herz hat bis heute das Gefühl: Wenn ich schreibe, hintergehe ich meine Liebsten.
Sie hat es dennoch getan: Tagebuch und Briefe. Jahrelang. Ab und an etwas Sachliches öffentlich.
Dann lange Jahre nur sehr wenig. Kleine Notizen aus den ersten Jahren mit den Kindern.
Letztens frustrierte sie der Gedanke: Richtige Autorinnen schrieben schon immer. Also kann sie gar keine richtige Autorin sein oder werden. Denn: Schreiben elektrisiert sie zwar. Sie liest alles übers Schreiben.
Aber sie schreibt nicht. Oder?
Doris Dörries Leben Schreiben Atmen gibt ihr mitten in Corona Schwung. Sie schreibt einen Sommer lang mehrfach täglich zehn Minuten: Ich erinnere mich … und findet Perlen – Erinnerungen, hilfreiche Gedanken, Klarheit. Fast ist es magisch, sie erlebt das Geheimnis des Schreibens.
Sie liest alles übers Schreiben: Schreibmethoden, Schreibtisch mit Aussicht, Schreibratgeber, biografisches Schreiben, therapeutisches Schreiben u. v. m.
Und: Sie schreibt. Ab und an in einem Online-Schreibkurs. Schreibübungen. Kleine Serien, kleine Geschichten. Elfchen. Sie schreibt zum Nachdenken über alles – Fragen, Menschen, Bibeltexte, biografische Leerstellen. Sie macht mehrmals mit beim National Novel Writing Month. Zweimal gewinnt sie die Wette mit sich selbst, so viele Worte in einem Monat zu schreiben.
Sie schreibt in Hefte, auf lose Blätter, ins Handy, am Computer.
Sie schreibt kleine Artikel, die gebraucht werden. Zwar immer auf den letzten Drücker. Nach langen inneren Qualen. Oft geht es auf einmal leicht, im allerletzten Moment. Manchmal wagt sie zu denken: Ich kann schreiben.
Doch Schreiben ohne Scham kennt sie (noch?) nicht. Etwas zu zeigen ist schwierig, nein, unmöglich. Positives Feedback kann sie schwer glauben. Beim Gateless Writing zum Beispiel. Da ist das die Regel, da gibt es nichts anderes, also muss das nichts heißen. Und auch der Gedanke hemmt sie: Ich kann mein Innerstes nicht aussetzen, ich muss es beschützen. Es ist ja keine Kunst. Was glaubst du, wer du bist?
Außerdem: kein Handwerkszeug, keine Technik, einfach aus dem Herzen, aus dem Bauch, nach Klang und Stimmigkeit. Es kann also nicht sein.
Noch hat sie keine Lösung gefunden, die ihr Freiheit, Mut, Möglichkeiten gibt. Denn eines scheint sicher: Wenn sie ernsthaft schreibt, kommen Menschen in Mitleidenschaft. Im Zweifel genau diejenigen, die das nicht wollen, die ihre Leidenschaft so nicht teilen. Deshalb ist es besser, im Verborgenen zu bleiben. Sie möchte niemanden bloßstellen, niemanden.
Doch sie schreibt: biografisch, anekdotisch, glaubend, füllwortreich, erklärend, verspielt, ratsuchend, fasziniert, anteilnehmend, begeistert, entrüstet. Sie schreibt.
Und erlebt in vielen Facetten das Geheimnis des Schreibens.

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